
Lengerich – In Englands Schulen ist es fast eine Pflichtübung, einmal im „Sommernachtstraum“ auf der Bühne zu stehen. Für den Literaturkurs 12 des Hannah-Arendt-Gymnasiums (HAG) war es allerdings ein kleines Abenteuer, sich über ein halbes Jahr lang, unter professioneller Anleitung, der Shakespeare-Komödie zu widmen und sie zur einer beeindruckenden Aufführung zu bringen.
Da flitzt Dennis als verschmitzter Hofnarr „Puck“ durch die Zuschauerreihen, Jasmin holt alles aus ihrer Rolle als „Wand“, Ann-Christin fesselt als von allen verletzte „Helena“ die Zuschauer, der muskelbepackte Fußballer Simon tänzelt als Elfe „Spinnweb“ zu romantischen Walzermelodien – die Reihe der bunten Bilder ließe sich lange fortführen, denn Detlev Schmidts Inszenierung bedient sich reichlich aus den Motiven des Sommernachtstraums.
Alles wird untermalt von Klangbildern einer aufeinander eingespielten Jazz-Combo und realisiert von über 30 Schülern des HAG. Wie hat es angefangen?
Als Regisseur und Schauspieler Detlev Schmidt Mitte 2009 der Schulleitung des HAG vorschlug, sich mit einem Theaterprojekt gemeinsam für Mittel der NRW Förderung „Kultur und Schule“ zu bewerben, traf er auf offene Ohren. Die Theaterarbeit sollte darüber parallel von einem Musikprojekt unterstützt werden. Zusammen mit dem Lengericher Jazzmusiker Uwe Seyfert stellten sie ihr „Doppelkonzept“ bei der Landesjury vor. Die Mittel wurden bewilligt und die Vorbereitungen begannen.
Unter der Leitung von Thomas Bongard begann der HAG Literaturkurs 12 im September mit dem ersten Schauspieltraining bei Detlev Schmidt. Es hieß „locker werden“, Scheu ablegen, Grundtechniken erlernen und viel Disziplin zeigen, um später mit Shakespeares ironisch romantischem Text und der eigenen Rolle sicher umzugehen.
Detlev Schmidt erzählt fasziniert: „Es war spannend, die Schüler kennenzulernen und zu erleben, wie sie in ihre Rollen hinein fanden und ihr Talent entwickelten. Jeder hat sich im Lauf der Monate durch die Arbeit verändert, gelernt und „last but not least“ viel Spaß gehabt.“ Neben der Schauspielarbeit mussten zahllose Details auf dem Weg zur Premiere organisiert werden, was die 30-köpfigen Truppe mit beeindruckender Energie erledigte.
Für die Musiker, zusammengestellt aus verschiedenen HAG-Jahrgängen. hieß es ebenfalls, neue Wege zu beschreiten. Sie erfuhren über die Grundlagen des Jazz und studierten Arrangements aus Standards und eigenen Kompositionen.
Für Uwe Seyfert war die Stilistik und die Größe der Combo von entscheidender Bedeutung für die Motivation der Musiker: „Das Spiel in einer modernen Jazz Besetzung mit sieben bis zehn Musikern ist unglaublich lehrreich und inspirierend. Jeder Musiker ist individuell wahrnehmbar und muss sich trotzdem im Zusammenspiel einfügen.“
Neben dem Melodie- und Satzspiel sollten alle auch mit ersten Improvisationsübungen solistisch eingesetzt werden. „Es war toll, wie trotz unterschiedlicher Vorkenntnisse und Leistungsstufen alle zusammen gearbeitet und am Ende zum eigenen Sound der Combo beigetragen haben“, freut er sich.
Später wurden dann Schauspiel und Musik zusammengeführt. Arrangements und Inszenierungen wurden angepasst und das Timing von Musik und Schauspiel exakt abgestimmt. Die Inszenierung erhielt so eine neue Dimension, die die Schauspieler und Musiker einmal mehr inspirierte und anspornte.
Die Proben und Aufführungen finden im Lengericher „Brahms 1“ statt. Dort wurden auch die Kostüme komplettiert, das Bühnenbild vorbereitet und weiter geprobt.
„Bis zum letzten Tag wurde hart gearbeitet, es war eine fantastische Atmosphäre während der Vorbereitungen, aber ich glaube, erst während der Premiere haben die Schüler wirklich erlebt, dass sie etwas Besonderes geschaffen haben“, resümiert Detlev Schmidt.
Nach der Premiere gibt es weitere Vorstellung des „Sommernachtstraums“ im „Brahms 1“ am heutigen Dienstag sowie am Mittwoch und Donnerstag, jeweils um 19 Uhr. Die Zuschauer erwartet ein beeindruckendes Schauspiel aus Klang und Bild, das Ergebnis eines nicht alltäglichen Projekts, das von der besonderen Mischung aus Professionalismus, Idealismus und unbeschwerter Lebensfreude geprägt wurde.
Quelle: Westfälische Nachrichten (Jendrik Peters) | Dienstag, 25. Mai 2010