Fr, 21. 05. 2010 – 13:53 – wam
Lengerich – Zu einem Vortrags- und Gesprächsabend zum Thema „Abenteuer Pubertät“ trafen sich 50 Väter und Mütter der Schülerinnen und Schüler der Klassen 7 bis 9 des Hannah-Arendt-Gymnasiums (HAG) im Mehrzweckraum, um eigene Erfahrungen mit ihren Kindern im Pubertätsalter in einen größeren und wissenschaftlich fundierten Zusammenhang stellen zu können.
Mit Werner Terhaar von der LWL-Klinik in Lengerich erlebten die Eltern einen Referenten, der es in besonderer Weise verstand, Verhaltensauffälligkeiten und Ergebnisse der modernen Forschung zur Pubertät ebenso aufzuzeigen, wie Schutzfaktoren und konkrete Hilfsangebote. Anschaulich und sachkompetent lieferte er damit den Eltern einen tiefen Einblick in ein bis in die Antike zurückreichendes Phänomen.
Eingeladen zu dieser Veranstaltung in der Reihe Themenabende für Eltern hatten Sigrid Leugermann, verantwortliche Lehrkraft im sozialpsychologischen Beratungsteam am HAG und als Elternvertreter Ulrike Pahl und Elke Roggenland vom Vorstand der Schulpflegschaft.
In markanten Bildern und anschaulichen Schilderungen machte der Referent den Eltern deutlich, was die Pubertät als ganz entscheidende und notwendige Lebensphase bedeutet. Nach seiner Definition stellt die Pubertät eine Lebensphase dar, die von Nichtpubertierenden mit Argwohn betrachtet werde, die keinem erspart bleibe und in der Jugendliche oft anders sein wollen als sie können.
Mit dem mit Applaus bedachten Hinweis auf das Selbstgespräch vor dem Spiegel „Ich kenne dich nicht, ich wasche dich trotzdem“, umschrieb Terhaar die Situation der Jugendlichen, die plötzlich vor etwas Neuem stehen und sich selbst kaum verstehen. An Beispielen wurde diese Lebensphase als Prozess einer Entwicklung hin zum Erwachsenwerden verdeutlicht – eine Entwicklung, die Mühe, Aufgabe und auch Pflicht allen Betroffenen abverlange, so Terhaar weiter.
Bezüglich der tieferen Ursachen dieser Wesensveränderung präsentierte der Psychologe neuere Ergebnisse der modernen Hirnforschung. Es seien nicht nur Hormone, die wirken, vielmehr werde das Gehirn umgebaut.
Diese Veränderungen gingen einher mit einem Rückgang der kognitiven Leistungsfähigkeit. Es falle Jugendlichen schwer, Entscheidungen zu fällen. Impulsives Verhalten, Bauchentscheidungen und eine ausgeprägte Risikobereitschaft ließen sich als auffällige Verhaltensweisen beobachten. Der Referent bezeichnete demzufolge das Jugendalter als Risikoalter. Der Anteil als Hauptverursacher aber auch als Opfer von Verkehrsunfällen liege bei Jugendlichen im Pubertätsalter überdurchschnittlich hoch. Hier wirke sich vor allem die Verstärkung des emotionalen Netzwerks aus, wenn man in der Gruppe agiere.
Unter der Überschrift „Pubertät als Krankheit?“ ging der Psychologe auch auf den Aspekt der Gestörtheit ein und auf die Frage, wann eine solche vorliege: Gelegentliche Drogenexperimente mit Gleichaltrigen seien durchaus normal, aber „Drogen als primärer Organisator von Identität“ stellten eine Störung der Persönlichkeit dar. Ebenfalls nannte er als normal Unzufriedenheit und Langeweile im Gegensatz zu Ängsten und Depressionen.
Als wichtige Schutzfaktoren gegen eine „Gestörtheit“ bei Jugendlichen nannte der Referent ein gesundes Selbstwertgefühl und eine günstige Temperamentseigenschaft. Wichtig seien in der Familie ein starker Zusammenhalt und eine gute elterliche Beziehung. Mit Blick auf die gesellschaftlichen Bedingungen maß Werner Terhaar ausdrücklich dem Faktor Beschäftigung und Aufgaben einen hohen Stellenwert bei.
Zum Schluss eines interessanten Vortrages gab der Psychotherapeut auch ganz konkrete Tipps für den Fall, dass „es schief geht“. Dazu führte er als erstes das Gespräch miteinander an und als weitere die Schule, Erziehungsberatungsstellen, das Gesundheitssystem und in besonderen Fällen auch die Jugendhilfe.
Im abschließenden Gespräch wurden teilweise ganz konkrete Fragen zu Verhaltensweisen gegenüber Pubertierenden in der Familie oder der Schule an den Fachmann gerichtet. Dabei hob dieser immer wieder die Bedeutung des Gesprächs hervor.
Das kurze beruhigende wie prägnante Fazit „Es geht vorbei“ wurde von den Anwesenden mit langem Beifall bedacht.
Quelle: Westfälische Nachrichten | Freitag, 21. Mai 2010